Antrittsrede

gehalten vom Rabbiner
Donato Camerini
im israelitischen Tempel von Pitigliano
am Abend des 17. Januar 1890

Gedruckt mit Hilfe von einigen Freunden
 
     
 
An Euch,
illustre und verehrte Lehrer
Oberrabbiner Alessandro da Fano
Oberrabbiner Prof. Isaia Levi

die ihr mir eine weise und liebevolle Führung wahrt in meinem Theologiestudium und die ich als Vorbild nahm in der heiligen Beredsamkeit, für Euch diese kleine aber ehrliche Gabe

D.C.
 
 
Mi anohi Adonai Eloim,
umi bedi chi eviodani gnad alom?
Wer bin ich, Herr Gott,
und was ist mein Haus,
dass du mir so viel gegeben hast?

(Sam. 11 cap. VII v. 18)

 
  Brüder!

Mit welcher Erwartung ich diese Tribüne besteige, brauche ich Euch nicht zu sagen, denn Ihr erkennt es an meinem Gesicht, am Ton meiner Stimme, an meinen langsamen und ungelenken Bewegungen, an meiner ganzen Person, wegen der inneren bebenden Aufruhr - doch ist dies nicht Beängstigung, es ist nicht der Mangel an einem klaren, gutdefinierten Ideal, unumgänglich, um große Dinge zu schaffen, es ist nicht der Mangel an einer sicheren Hoffnung, die in jeder Notlage Standhaftigkeit bewahren hilft. Nichts von alldem beunruhigt meine Seele in diesem Moment, in dem ich mich Euch zum ersten Mal vorstelle. Denn mir mangelt kein Ideal, denn ich habe das größte, was man haben kann, Religion, und dieses Ideal hat meinem Leben Form und Ziel gegeben; mir fehlt nicht die Hoffnung, denn ich habe die unerschütterliche Hoffnung an göttliche Hilfe. Und wenn ich trotzdem voller innerer Unruhe bin, dann aus einem anderen Grund. Es ist die Wichtigkeit des heiligen Amtes, das ich unter Euch aufnehmen werde und bei dem ich befürchte, dass meine schwachen Kräfte nicht ausreichen könnten; es ist das Bewusstsein von einer Aufgabe, die nicht nur verantwortlich für die eigenen Fehler macht, sondern auch für die der anderen, eine Aufgabe, für die man eine Aussteuer aller hervorragendsten Gaben des Geistes und des Herzens braucht, eine Aufgabe, bei der man direkt Gott verantwortlich ist; es ist der Gedanke, die geistliche Führung einer Gemeinde zu übernehmen, die in der Vergangenheit im hellsten Licht erglänzte und auch jetzt nicht weder an Zahl noch an Wichtigkeit die letzte unter den italienischen Gemeinden ist; der Gedanke auf einen Stuhl berufen worden zu sein, den schon Hirten, höchste israelische Lehrer innehatten. - Ja, meine Gedanken gehen in diesem Moment an die Erleuchteten der hebräischen Wissenschaft und Religion. Im Vergleich zu diesen fühle ich mich kleiner und kleiner werden und ich kann fast nicht daran glauben, dass ich von dieser Kanzel das Heilige Wort verbreiten soll, wo ein Maroni, Ruhm Reggios, das ihm Geburtsstadt so gut war wie der ganze Israelismus, ein Sorani, Euer Mitbürger, gewählt, um die theologische Disziplin in der besten Rabbinerschule Italiens zu lehren, zuletzt ein Sacerdoti, ein Sabbadini, ein Fortis, ein Servi!, die Flüsse von Beredsamkeit und theologischer Bildung haben ausbreiten lassen. - All diese Überlegungen lassen mir spontan den Ausruf des Königs der Psalmisten auf die Lippen treten: Mi anohi Adonai Eloim, umi bedi chi eviodani gnad alom? Wer bin ich, Herr Gott, und was ist mein Haus, dass du mir so viel gegeben hast?
 
  Und gut passt mir dieser Satz, mehr noch als ihm, mir, jung und unerfahren, der ich so vielen Hervorragenden folge. - aber .... es ist nicht an uns zu richten wie viel der Willkür jede menschliche Regung lenkt, an uns ist es nur zu gehorchen und in seine Hilfe zu vertrauen. Wie er in der Natur Wunder mit den kleinsten und einfachsten Mitteln schafft, so gibt er oft in der menschlichen Ordnung den letzten der Sterblichen die Kraft, die höchsten Missionen zu erfüllen. - In Deine Hilfe, also, vertraue ich, o Herr, von Dir erwarte ich Rat, um alles in meinem Amt zu erfüllen, die Stärke, um es auszuführen! Mein Gott! ich habe mein Leben in den Dienst Deiner himmlischen Herrlichkeit gestellt und dieser Teil Deines Volkes hat seinen Blick zu mir gewendet, es will, dass ich bei ihnen sei, Lehrer Deiner heiligen Religion und fast Übersetzer Deines Willens. Deh! Dass ich nicht enttäuscht sei! Adonai al evoscia chi cheradiha!, dass Deine Getreuen nicht enttäuscht seien! Al jevosciu bi covveha Adonai Eloim Sevaod:  
  Und nun zu Euch, meine geliebtesten Brüder! - Ich weiß nicht, was für Gaben ihr in mir gesehen und warum ihr mich durch Eure Wahl geehrt habt; nur dies weiß ich, dass in mir die einzige Gabe der gute Wille ist, Eifer für die gute Sache, der ich mich gewidmet habe, das Bewusstsein der Pflichten, die mir bevorstehen, der Entschluss, sie, soweit ich kann, mit Kraft und Eifer zu erfüllen. Diese Eigenschaften werden zum Teil die Gedankenschärfe, die Breite des Wissens und die Gelenkigkeit des Geistes, die heilige Bildung und die Autorität ersetzen, die meine Vorgänger besaßen. Ich werde mich all dem zu diesem Zwecke nähern, und wenn, was ich nicht bezweifle, ich eure Hilfe habe, wenn sie auch nicht zu erreichen, so doch dem Ideal des wahren israelischen Hirten, dessen Vorstellung ich sicher in meinem Kopf habe, zu nähern. Über dieses Ideal möchte ich mich heute Abend mit euch unterhalten, damit ihr wisst, nicht was ich sein werde, aber was ich sein will.  
  Brüder!

Unser Volk, das wisst ihr, war nicht immer so verfasst wie jetzt; es ist durch tausend Umstände hindurch, es hat gekämpft und gelitten, und inmitten so vieler Unwegsamkeiten haben sich seine Institutionen teils gewandelt, teils sind sie leider hinweggesiecht. Die Zerstörung des nationalen Tempels von Jerusalem war einerseits Beginn all der Verwirrungen, unter denen Israel bis gestern litt, andererseits war es auch Anfang eines neuen Zyklus seiner Geschichte, Anfang einer inneren Revolution, bemerkbar vor allem im religiösen Leben, in dem ein neuer Kult entstehen musste und eine neue Hierarchie seiner Lehrer. Vor diesem großen und traurigen Ereignis wurden die Propheten direkt von Gott inspiriert, von ihm geführt und gestützt, sie predigten dem erwählten Volk die Religion und brachten Tugend und Moral unters Volk; der Aufgabe entsprechend mit dem Mut des Geistes ausgestattet, wachten sie über das öffentliche und private Leben und ohne Furcht über das eigene Schicksal warfen sie sich mit feurigen Worten gegen die Sünder und drangen sogar in Paläste ein, um gegen die Korruption zu wettern, die sich zu schnell in den Höfen der Despoten einfand. Auf den öffentlichen Strassen predigten sie die religiöse Lehre, und, sie Philosophen wie die Philosophen der Antike, hatten hinter sich viele Schüler, von denen die willigsten und Überzeugtesten wiederum ausgezeichnete Lehrer geworden wären. So war den Propheten dieses so wichtige Element des religiösen Amtes zugesprochen, das der Erziehung, und das andere, nicht weniger wichtige, das der Wache auf dem Weinberg des Herren. In einem Worte, sie mussten das heilige Feuer in den Seelen unterhalten, das mit dem Feuer des Altars symbolisiert wird und nie erlöschen soll. Und dem Altar, dem äußerlichen Kult, standen andere vor, die Priester, die mit Hilfe der Leviten sich all dem, was den öffentlichen und privaten Kult angeht, widmeten. Sie brachten die Opfer dar, schnitten sie in Stücke und übergaben dem Feuer die entsprechenden Stücke, sie sprachen die Formeln zu den Opfern, sie bereiteten die Gaben wie es geschehen musste und, wenn die vorgeschriebenen Reinigungen und Brandopfer vollbracht waren, betraten sie am Tag der Vergebung das Heiligste des Heiligen, dessen Betreten allen anderen verboten war, und wo fast in direkter Verbindung mit dem Ewigen sie mit unverschmutzten Lippen den Namen des Glorreichen aussprachen, mit dem sie dem Volk die Vergebung der Sünden ankündigten.
 
  An sie wendeten sich die Brüder, wenn von belastenden Sorgen bedrückt sie den Schutz des Herren erhalten wollten oder wenn sie sich glücklich, einer Gefahr entronnen zu sein, dankbar zeigen wollten, wenn sie einen Fehler begangen hatten und ihnen nach Reue gelüstete, wenn sie ein Gelübde ablegen wollten, wenn ein Zweifel von Unreinheit sie besprungen hatten oder wenn die Zeit der Reinigung gekommen war. Und zuletzt war ein anderer Teil des religiösen Amtes dem Gericht Beth Din anvertraut, das oft nicht nur in ziviler und krimineller Sache richten musste, sondern auch in theologischer und religiöser.  
  Aber dann, als der prophetische Geist sich zu Ende neigte und die großen Volkstribunen ausblieben und das Priesteramt unter der Asche des Tempels Salomos begraben war und von unseren Gerichten jede Spur verloren war, vereinten sich all diese Funktionen in den Händen einer einzigen Autorität, dem Rabbi. Er ist es, der jetzt das Wort Gottes ausgeben muss, es mit Ehrlichkeit erläutert, mit lauter Stimme, ob es jemanden gibt, der es hören möchte, oder nicht, Im isemegnu veim jehdalu: er ist es: der dem Volke die heiligen Gesetze erklären muss, und deren Befolgung anrät, mit Anleitung und Vorbild: er ist es, der die Liebe Gottes predigen muss, die Wohlfahrt, die Bruderschaft, die Besonnenheit und die hervorragendsten Tugenden, so wie er auch in diesen allen Vorbild sein muss; ihm steht es zu, den öffentlichen Kult zu fördern und zu leiten; den privaten zu überwachen; ihm steht es zu, den Segen des Himmels auf das Überbleibsel Israels zu erbeten, ihm steht es zu, die heilige Gnade zu erbeten; und ihm selbst steht es zu, die theologischen Fragen zu lösen und die Zweifel, die im Gewissen aufsteigen können, und die verschiedensten Auslegungen des religiösen Kodex auszulegen und anzuwenden. Scheint euch dies nicht, o geliebteste Brüder, eine schwierige und große Aufgabe zu sein? Und doch, fast als ob dies nicht genügen würde, summieren sich heutzutage dazu noch die besonderen Umstände der Zeit, in der wir leben, sehr traurige Zustände, wenn es je solche gegeben hat, und verachtenswerte. Von allen Seiten, im Feld der Religion, erhöht sich schamlos und bedrohlich, die Standarte der Revolution, die Reihen der Feinde wird Stunde um Stunde dichter, die Verteidiger lassen sich beängstigen und ziehen sich vom Getümmel zurück und eine Aufgabe des Friedens, wie es die des Rabbiners sein sollte, wird eine von Kampf und Verwirrung. - Die heiligen Schriften zeugen oft von den verachtenswerten Übertritten des heiligen Volkes, sein Verdummen unter Baal, den <astarti> und den Molokken, sein Versinken in jeder Sorte von Götzenverehrung. Es war eine andauernde Bedrohung, eine andauernde Gefahr für den Erhalt und die Reinheit des Kultes, monotheistisch an sich, begründet von Moses. Die Propheten allesamt protestierten entrüstet gegen solche Verfallserscheinungen, um diese Übel zu bekämpfen, vereinten sie alle ihre Kräfte ..... und sie gewannen, konnten die Götzen zu Boden werfen und die falschen Altäre dem Boden gleichmachen. Es stimmt, das sie sich nicht lange dieser Siege erfreuen konnten, die die gerade erst zerstörten Altäre wurden am nächsten Tag schon wieder errichtet. Die Götzen, soeben zerstört, erstanden erneut, das Volk, noch fast ein Kind, konnte sich nicht von diesem gegenständlichen Kult befreien, der die Sinne betört und die Intelligenz einschläfert, die er nicht befriedigt.  
 
Übersetzung:
Caterina Kluseman / Jens Fabian Pyper

Mail: ck194@columbia.edu

 
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