La Piccola Gerusalemme  
     
 
Interview mit Elena Servi

Vorsitzende des Vereins
"La Piccola Gerusalemme“
(Klein-Jerusalem")
in Pitigliano über die Geschichte
der jüdischen Gemeinde
 
     
  Frau Servi, würden Sie uns berichten, wie die Juden nach Pitigliano gekommen sind und warum sie sich hier niedergelassen haben?

Gern. Die Juden waren sicher schon seit 1400 von Zeit zu Zeit in Pitigliano, hatten aber noch keine Gemeinde gegründet. Sie kamen von Sovana und Siena. Historisch ist bewiesen, dass sie in der Mitte des 16. Jahrhunderts hier waren. Es gibt einen Beleg dafür, dass David Depomis, der erste Jude war, der sich hier niederliess. Er war aus Spoleto gekommen und wurde Leibarzt von Nicolo Orsini IV. Offenbar praktizierte er im ganzen Gebiet um Pitigliano, Sorano und Sovana, denn er nannte es das "Land der Zuflucht".

Zuvor war er Arzt bei Magliano Sabina in Latium gewesen, das zum Kirchenstaat gehörte, und wahrscheinlich hat man ihn dort ?hinausgeworfen“, wie wir heute sagen würden. Was immer geschehen war, er kam nach Pitigliano, wo er seine zwei Töchter und kurz darauf seine Frau verlor. Er erhielt ein Stück Land von Nicolo Orsini IV, auf dem er seine Frau begraben konnte. Daraus entwickelte sich der jüdische Friedhof, wie wir ihn heute kennen. Dieser Doktor blieb nur 6 Jahre von 1556 bis 1562 hier und wurde anschliessend durch einen katholischen Arzt ersetzt.

Später eröffneten hier zwei Juden Kreditfirmen (Leihhäuser?), zunächst in Sovana, dann in Pitigliano. Das geschah 1571, als der Arzt Pitigliano schon verlassen hatte. Es kann gut sein, dass sie mit ihm verwandt waren. Die Gründungsphase war 1608 abgeschlossen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte sich nach und nach eine jüdische Gemeinde etabliert. Die Synagoge wurde jedenfalls 1598 erbaut.

Nun, es gibt vielfältige Gründe dafür, dass die Juden nach Pitigliano kamen und dort blieben. Pitigliano war eine unabhängige Grafschaft. Graf Nicolo Orsini hatte eine kaiserliche Ernennung und so eine gewisse Autonomie, ganz abgesehen davon, dass aus seiner Familie Päpste hervorgegangen waren. Die Orsinis empfingen die Juden recht wohlwollend, aber möglicherweise aus aus handfesten Gründen. Wir werden sehen warum! Der Arzt war Leibarzt von Nicolo Orsini als die Pfandleiher ankamen. Sie waren nützlich für den Graf und die Bevölkerung im Allgemeinen, die im wesentlichen aus Bauern bestand. Die Wirtschaft war ländlich und arm, es gab nicht mal Handwerker, wie sie die Juden hatten. Unglücklicherweise war es in diesen Zeiten den Juden nicht erlaubt, andere höhere Tätigkeiten auszuüben mit Ausnahme des Arztberufs. Sie waren Schuhmacher, Tischler und Buchbinder, all das gab es in Pitigliano nicht. Das war einer der Gründe für ihre Ansiedlung, weil sie hier gute Arbeitsmöglichkeiten vorfanden.

Ein zweiter Grund war die Lage von Pitigliano an der Grenze zu Latium, dem damaligen Kirchenstaat, so dass Juden, die von Zeit zu Zeit von dessen Machthabern vertrieben wurden, leicht in Pitigliano Zuflucht finden konnten.

Auch im folgenden Jahrhundert stieg die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde an. Als etwa die Stadt Castro zerstört wurde, kamen viele Juden nach Pitigliano. Langsam erhöhte sich ihre Zahl bis sie ungefähr in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis Anfang des 18. Ihren Höchststand erreicht hatte. Zu dieser Zeit hatte die Gemeinde hunderte von Mitgliedern, manche sagen möglicherweise 400, aber auf jeden Fall waren es mehr als 300, das waren etwa 10 % der Bevölkerung.
Die Juden lebten über Jahrhunderte in Pitigliano. Die Periode der Herrschaft der Orsini war eine gute Zeit, aber später, im Jahr 1608, kam die Grafschaft in die Hände der Medici. Anfangs änderte sich noch nichts, alles es blieb mehr oder weniger wie es war. Von den Orsini hatten die Juden umfangreiche Privilegien erhalten: zum Beispiel durften sie Land besitzen, was ihnen in anderen Teilen des Landes verwehrt blieb. Sie konnten kommen und gehen wie sie wollten, sie waren nicht ins Getto eingepfercht und mussten auch keine Zeichen ihrer Zugehörigkeit tragen. Sie betrieben ihre Geschäfte und Aktivitäten, aber all das änderte sich nach Ankunft der Medici, wenn auch nicht auf einen Schlag. 1619 eröffneten die Medici ein Getto in Sorano, danach 1622 in Pitigliano. Das Getto erstreckte sich hier nur innerhalb einiger weniger Gassen um die Synagoge und nicht von der Piazza bis ins Capisotto (dem Viertel am Ende der Stadt), wie vielfach angenommen wird.

Unter den Medici hat sich die Lage der Juden sicherlich verschlechtert, zunächst, weil sie im Getto eingeschlossen waren. Dann wurde ihnen auferlegt, ein Abzeichen zu tragen. In Spanien trugen die Juden ein gelbes Zeichen, in Pitigliano war es rot: eine kleine rote Karte für die Männer, ein rotes Zeichen an der Schläfe für die Frauen. Zu dieser Zeit wurden sehr hohe Steuern erhoben, in der Folge verlor die örtliche Währung an Wert. Dasselbe geschah auch mit dem Geld, das in Sorano in Umlauf war.

Der Brunnen auf der Piazza della Repubblica in Pitigliano, vom Getto kommend rechts, wurde von Steuergeldern der Juden bezahlt. So gingen also viele von den Juden geschätzte Privilegien verloren. Auch das Verhältnis zum nichtjüdischen Teil der Bevölkerung änderte sich. Während es in der Anfangszeit recht gut war, ging es jetzt abwärts. Die Medici waren dafür teilweise verantwortlich, da sie sich mehr mit dem Norden der Toskana beschäftigten und mit mit dem hiesigen Gebiet nicht weiter belästigt werden wollten.

Kehren wir noch einmal zurück und zeigen, warum das Land von den Orsini auf die Medici übergegangen war. Als die Familie der Orsini im Lauf der Zeit im Niedergang begriffen war, wurde ein Tausch zwischen den Familien vereinbart. Die Orsini bekamen Monte San Savino und die Medici übernahmen im Gegenzug die Grafschaft von Pitigliano.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich die Situation wieder, als die Grafschaft in die Hand des Herzogs von Lothringen gelangte, als dieser Herzog der Toskana wurde. Die Lothringer waren aufgeklärt und liberal. Ausdruck davon sind zwei Plaketten und eine Aufschrift an der Wand der Synagoge von Pitigliano, die an den Besuch des Herzogs der Toskana in eben dieser Synagoge erinnern. Als erster kam 1773 Pietro Leopoldo 1773, dann Ferdinando III 1823 und schliesslich 1829 Leopoldo II, der letzte Herzog.

Es gab eine interessante Episode, die einzigartig in der italienischen Geschichte ist. Sie geschah 1799 und beendete die Absonderung der Juden im Getto. Diese Ereignisse markieren die Wende im Verhältnis zwischen den Katholiken und der jüdischen Bevölkerung. Vorher hatten die Juden das Getto noch nicht verlassen. Trotz der verschiedenen Privilegien, die der Herzog ihnen gewährt hatte lebten sie immer noch dort.

Im Sommer 1799 erschien in Pitigliano wie in vielen anderen Teilen der Toskana die Bande der ?Sanfelisti“, die aus Arezzo stammten. In diesem Jahr hatte Napoleon seinen Krieg in Ägypten verloren. Überall in Norditalien und anderen Teilen des Landes, aber besonders in der Toskana, kamen antifranzösische Emotionen auf. Die Bevölkerung liess diese natürlich nicht nur an den Jakobinern sondern auch an den Juden aus. Die Juden hatten ganz offen die Ideen der französischen Revolution unterstützt. Die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit passten perfekt zu ihrer Situation. In der Folge ereigneten sich wegen der antifranzösichen Gefühle Massaker an vielen Orten, in denen Juden lebten. Zum Beispiel wurde die Gemeinde von Monte San Savino völlig zerstört und nie wieder neu gegründet. Am selben Tag, als die Aufrührer Pitigliano erreichnet, ereignete sich in Siena ein Massaker, bei dem 14 Juden ermordet wurden, viele davon wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Dasselbe geschah in vielen anderen Teilen der Toskana.

Die ersten Aufrührer kamen, zweifellos von örtlichen Kräften unterstützt, aus Arezzo nach Pitigliano. Sie fällten den Freiheitsbaum und plünderten das Getto, man kann sagen, es war ein echtes Pogrom. Sie randalierten, brachen in Häuser ein und raubten. 13 Juden wurden verhaftet. Einer von ihnen starb ein paar Tage danach an seinen Kopfverletzungen. Dies geschah im Juni 1799. Ein paar Wochen später, an einem Sonntagabend im Juli, kam ein Gruppe von Dragonern aus Orvieto in Pitigliano angeritten. Sie hatten anderes vor. Sie wollten Freiwillige für den Kirchenstaat rekrutieren. Sie wussten, dass Pitigliano eine jüdische Gemeinde hatte und fingen an, die Juden mit unerfüllbaren Forderungen zu schikanieren. So verlangten sie nach Textilien, die in kürzester Zeit genäht werden sollten.

Die schlimmste Handlung war die Schändung des Tempels, bei der sie den Rabbi verletzten. Selbst die örtlichen Behörden sahen, dass sie alle Grenzen des Anstands überschritten hatten. Als die Bauern zu Sonnenuntergang mit ihren Eseln zurückkehrten, erfuhren sie, was vorgefallen war. Offenbar glaubte die Bevölkerung nicht, dass diese Dragoner Jakobiner sein konnten, so berichten es die Gerichtsakten dieser Zeit. Es enstand ein Volksaufstand und die Dragoner wurden heftig angegriffen. Vier von ihnen starben und die anderen wurden festgesetzt.

Diese Intervention der katholischen Bevölkerung verhinderte andere Zwischenfälle und änderte das Verhältnis zwischen den beiden Gemeinden. Von dieser Zeit an endete die Absonderung, die in Pitigliano nicht die gleiche war wie in anderen Teilen Italiens. Es entwickelten sich wechselseitiger Respekt und ein freundliches Verhältnis, die sich weiter fortgesetzt haben. Man kann wirklich sagen, dass meine und andere Familien zur Zeit der Rassegesetze, genauer während der Verfolgung 1943, tatkräftige Hilfe von unseren katholischen Freunden erhalten haben.

Ich vergass zu erwähnen, dass 1930 oder 1931, wenn ich mich recht erinnere, die kleine jüdische Gemeinde der Stadt aufgrund eines Staatsgesetzes der grösseren Gemeinde von Livorno eingegliedert worden ist. Es gab immer noch einen Rabbi hier in Pitigliano, aber abgesehen davon wurden wir der Rechtssprechnung von Livorno unterstellt. Auch wenn nur noch sehr wenige von uns übrig sind, haben wir diesen Status noch immer.

1938/39, als die Rassegesetze eingeführt wurden, waren wir insgesamt 60 Personen, Eingesessene und Nachbarn, die die jüdischen Feste feierten. Leider haben in dieser Zeit viele Berufstätige ihre staatliche Stellung verloren: Lehrer, der jüdische städtische Ingenieur und der Leiter der Bank Monte Paschi di Siena. Von der Rechtslage abgesehen erlebten die Selbstständigen wie mein Vater eine Reihe von schmerzhaften Erfahrungen. Viele verliessen die Stadt. Die jüdische Schule musste sich mit einem Klassenzimmer begnügen, das fast schon ein Korridor war. Wir waren sieben oder acht Schüler verschiedener Klassenstufen. Im ersten Jahr unterrichtete uns die Frau des Rabbis, aber 1940 musste sie gehen. Ein Junglehrer, der keine Stelle gefunden hatte, übernahm den Unterricht.

Unser Jahres-Schulabschluss wies uns als Privatbürger aus und in den Zeugnissen war vermerkt, dass wir jüdisch waren. Dies wurde auch in unsere Personalpapiere gestempelt. Ich hatte wie viele andere die erste und zweite Grundschulklasse der staatlichen Grundschule besucht, als 1938 mein Vater zurückkehrte und mir sagte, dass ich nicht mehr in die staatliche Schule zurückkönne. Ich fragte ihn, was ich denn getan hätte. Allgemein war es so, das jemandem, der etwas Schlimmes angestellt hatte, der Schulbesuch verboten wurde. Mein Vater sagte mir mit Tränen in den Augen, dass ich überhaupt nichts falsch gemacht hätte. Zu dieser Zeit fing die Diskriminierung an. Wir empfanden unsere Verschiedenheit und fingen an uns abgelehnt zu fühlen. Ich absolvierte die dritte Grundschulklasse mit einem der beiden Lehrer, die aus ihrer Stelle entfernt worden waren. Im folgenden Jahr darauf gestatteten die Behörden die Eröffnung einer Schule für jüdische Kinder. ich bin aber nach dem dritten Grundschuljahr abgegangen und habe die Schule erst auf der dritten Mittelschulstufe fortgesetzt.

Bis jetzt haben wir über die Vergangenheit geredet. Wenden wir uns den Fragen zu, wann die jüdische Gemeinde sich organisiert und entwickelt hat und aufgeblüht ist.
Ja, es gab eine Talmud-Schule, es gab den rituellen Ofen für das Mazze-Brot, einen Fleischer, den Friedhof, alles, was eine Gemeinde braucht. Aber die jüdische Gemeinde fing an auszudünnen und verlor langsam an Bedeutung. Direkt nach der Vereinigung Italiens, als die den Juden gleiche Rechte brachten, gingen etwa 100 Juden aus Pitigliano in die grossen Städte Rom und Florenz, wahrscheinlich auch einige nach Livorno, um auf den Universitäten zu studieren. Damit konnten sie Berufe ausüben, die ihnen früher verwehrt waren. Man muss aber erwähnen, dass die, die fortgingen um anderswo zu leben, sich ihre Bindung an Pitigliano erhielten. Sie kamen oft an Ostern und Yom Kippur zurück, sie wollten in Pitigliano beerdigt werden und manche kauften sogar schon ihre Grabstelle dort.

Können Sie mir etwas von der Geschichte der Synagoge berichten?

Wie ich schon sagte, verliessen wir 1943 Pitigliano. Viele Familien mit ihren 16-, 17-jährigen Jugendlichen die studieren sollten, waren schon weg. Sie gingen nach Florenz oder Rom, wo es jüdische Hochschulen gab, auch in der Hoffnung auf Arbeit. Diese Familien kamen nicht nach Pitigliano zurück. Wir und andere Familien gingen, weil 1938/1939 und 1940 die Situation hier sehr unangenehm geworden war. Zu dieser Zeit durften unsere Freunde uns weder besuchen noch auf der Strasse grüsssen. Ein Beispiel: mein Vater hatte Bauern als Kunden, die privat unter dem Einfluss eines örtlichen Faschisten standen. Ihnen wurde verboten, den Laden meines Vaters zu betreten, weil er ?nicht arisch“ sei.

1941/1942 entspannte sich die Lage etwas, aber nach dem Waffenstillstand 1943 erschienen unglücklicherweise die Deutschen und einige unserer Familienmitglieder brachen auf. Mein Schwester und mein Schwager gingen fort und im November 1943 setzten selbst einige unserer katholischen Freunde sich für unsere Abreise ein. Wir flohen am 11. November und wurden von Bauern aufgenommen. Einige von ihnen waren Kunden meines Vaters, andere kannten uns nicht einmal, aber wenn es irgendwo zu gefährlich wurde, fanden sie andere Verstecke für uns. Wir blieben also der Stadt fern und zogen von einer kleinen Agrarstelle zur anderen, wohnten sogar in einer Höhle im Frusta-Tal. So ging es von November 1943 bis Juni 1944. Die letzten drei Monate lebten wir in der Grotte, wo ein Bauer sich uns angenommen hatte. Man brachte uns Essen vorbei und einige kamen uns sogar zu Fuss aus Pitigliano besuchen.

Endlich kamen wir nach Pitigliano zurück, aber alle, die vorher weggegangen waren, kehrten nie wieder. Wir waren nicht mehr als etwa 30 Leute und öffneten die Synagoge nur zu Yom Kippur. Es gab weder die für eine Gemeinde erforderliche Zahl von Männern noch einen Rabbi für die religiösen Funktionen. Das ging so weiter bis 1959. Der letzte Feiertag war Yom Kippur (das Versöhnungsfest) am 12. Oktober 1959, dann wurde die Synagoge geschlossen, weil das Dach einzustürzen drohte.

Als ich 1961 heiratete, war das Dach in wirklich erbärmlichem Zustand. Mein Mann und ich setzten eine Anzeige in die jüdische Zeitung ?Israel“ um Spenden für die Rettung der Synagoge zu sammeln. Es gelang uns aber nicht, genügend Geld für den Wiederaufbau aufzutreiben und irgendwann stürzte das Dach vollends ein. Vorher war alles aus der Synagoge herausgebracht worden, die Einrichtung, die Bücher usw. Die Stadtverwaltung von Pitigliano teilte der jüdischen Gemeinde von Livorno mit, dass die Synagoge rekonstruiert werden müsse oder sie werde abgerissen, weil ihr Zustand gefährlich war. Wahrscheinlich fehlten der Gemeinde von Livorno die Mittel, sie konnte nichts tun, also wurden die noch stehenden Gebäudeteile abgetragen.

Diese Sitation hielt viele Jahre an, bis die Stadt und der gegenwärtige Bürgermeister Brozzi, der auch schon in der erwähnten Zeit dieses Amt hatte, den Wiederaufbau beschlossen.

Das ganze Projekt zog sich lange hin, von 1980 bis 1990 (wir wissen, wie lange so etwas braucht, wenn es um öffentliche Gelder geht!). Trotzdem, irgendwann war die Arbeit fertig. Der Wiederaufbau wurde von von der Stadt mit Krediten finanziert und mit Hilfe einer Dauerspende der jüdischen Gemeinde von Livorno, aber nur ein Teil des Ganzen, die Synagoge, wurde wiedererrichtet. Wo jetzt die Terrasse ist, stand eine Bücherei und anstelle des Aufzugs war die Treppe zur Schule.

In den 30er-Jahren widmete Baldini in einem seiner Bücher den Juden von Pitigliano ein Kapitel. Er schreibt, dass unter der jetzigen Synagoge ein kleiner Hörsaal gewesen sein könne, wo die ersten Juden sich nach ihrer Niederlassung zum Beten und Studieren versammelten. Dafür gibt es aber keinen klaren Beweis.

Jedenfalls hat die Stadt beim Wiederaufbau grossartige Arbeit geleistet. Auch der jüdische Mazze-Ofen (forno delle azzime) wurde rekonstruiert und vor etwa einem Jahr begannen die Wiederherstellungsarbeiten an den anderen Räumen. Es gibt zwei Haupträume: Einer der grösseren wird das Museum beherbergen und der andere zu einem kleinen Kongressraum ausgebaut. Natürlich gibt es noch andere Räume, einer, der für die rituellen Bäder benutzt wurde und einen wunderschönen Kellerraum. Ich kann mich an die Familien erinnern, die dort wohnten, auch wenn meine Familie woanders lebte. Auch der Rabbi hatte seine Wohnung dort unten, es war die Familie, aus der auch Edda Servi stammte.

War Edda Servi mit Ihnen verwandt?

Nein, war sie nicht, oder höchstens sehr entfernt. Es gab mindestens sieben Zweige unserer Familie. Edda Servi schrieb in einem ihrer Bücher, wir seien nicht verwandt, obwohl die Familien sich gut kannten.
Was die Synagoge angeht, wissen wir nicht, was die Zukunft bringen wird. Wir, die letzten Übriggebliebenen, haben 1996 einen Verein gegründet.
Mein Sohn ist der letzte in Pitigliano geborene Jude. Obwohl kein praktizierender Jude, fühlt er sich doch seiner Familientradition verpflichtet und sagt oft, als der Letzte wolle er etwas tun. Wir hatten ein grosses Problem: der jüdische Friedhof, der noch in Benutzung ist. Wir waren allein, der Friedhof ist sehr alt und schwierig zu pflegen weil er terrassenförmig angelegt ist.

Als Privatleute konnten wir keine Spendengelder sammeln, aber wir erhielten Angebote von Besuchern und den Familien, deren Gräber hier sind. Diese Gelder haben wir auf ein Bankkonto gelegt. Der Friedhof braucht jedenfalls eine Menge Mittel zum Unterhalt. Da hatte ich die Idee, die Stadt zu fragen, ob sie für den Unterhalt sorgen könnte und der derzeitige Bürgermeister Brozzi entschied sich dafür. Es wird eine tägliche Pflege benötigt wie z.B. das Fegen. Eine Verwandte von Edda Servi, die ohne Erben in Mailand lebte, hinterliess eine grosse Summe Geld für die Stätte. Mit diesem Geld wurden einige dringende Arbeiten ermöglicht.

Abgesehen von diesem Geld müssen Jahr für Jahr die Mittel für die Pflege aufgebracht werden, also hat mein Sohn förmlich einen Kulturverein gegründet, der uns erlaubt, über die Erlöse von Kulturveranstaltungen wie Konzerte und Ausstellungen hinaus Spendengelder zu sammeln.
Was davon übrig bleibt, dient der Pflege des Friedhofsbereichs, den die Stadt nicht betreut. Wir haben einige Gräber gereinigt und andere verschlossen, die beschädigt waren. Wir haben den Verein ?Piccola Gerusalemme? ("Klein-Jerusalem") genannt, so, wie unsere Stadt in alten Zeiten von der Gemeinde in Livorno bezeichnet wurde, weil die hiesige Gemeinde sehr umtriebig war, kulturell und religiös aktiv. Unser Verein hat auch eine ganze Reihe nichtjüdischer Mitglieder, darunter drei katholische Priester von hier. Es gibt Mitglieder in ganz Italien, in Mailand, Rom und Florenz, und wir haben sogar welche aus den USA.

Dank des Engagements der Stadt und unseren eigenen Anstrengungen haben wir es mit unserem Museum, den Ausstellungen und Konzerten geschafft, einige Grundlagen unserer Kultur nach Pitigliano zurück zu bringen. In nur wenigen Jahren konnten wir die freundschaftliche Beziehung wiederherzustellen, die an anderen Orten wohl nicht bestanden hat. Wir hoffen sehr, in diese Richtung weiter gehen zu können.


Wir wünschen Ihnen alles Gute bei Ihren Bemühungen, Frau Servi, und danken Ihnen sehr für dieses sehr interessante Interview.
 
   
© Interview und englische Übersetzung: Carreen Conlan
© Übersetzung aus dem Englischen: Peter Petri
   
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